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Therapieverfahren2. April 202613 Min. Lesezeit

Photobiomodulation: Wie Lichttherapie die Netzhaut bei AMD unterstützen könnte

Der Begriff Photobiomodulation klingt zunächst kompliziert, doch das Prinzip dahinter ist erstaunlich einfach: Bestimmte Lichtwellenlängen können die Energieproduktion in Zellen anregen. Was das für die Behandlung der trockenen AMD bedeuten könnte, erklärt dieser Artikel verständlich und evidenzbasiert.

Was ist Photobiomodulation?

Photobiomodulation – abgekürzt PBM – bezeichnet die gezielte Anwendung von Licht bestimmter Wellenlängen, um biologische Prozesse in Zellen zu beeinflussen. Anders als bei der Phototherapie, die etwa in der Dermatologie zur Behandlung von Hauterkrankungen eingesetzt wird, zielt die Photobiomodulation nicht auf die Oberfläche des Körpers, sondern auf die Energieproduktion innerhalb der Zellen selbst. Der Begriff wurde 2014 von einem internationalen Expertengremium als Standardbezeichnung eingeführt, um ältere und teils irreführende Begriffe wie „Low-Level-Lasertherapie“ (LLLT) oder „Kaltlasertherapie“ abzulösen.

Das Grundprinzip der Photobiomodulation ist seit mehreren Jahrzehnten Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Bereits in den 1960er-Jahren beobachteten Wissenschaftler, dass Licht niedriger Intensität biologische Effekte auf Gewebe ausüben kann, ohne dieses zu erwärmen oder zu schädigen. Seitdem hat sich ein umfangreiches Forschungsfeld entwickelt, das heute Anwendungen in der Wundheilung, der Schmerztherapie, der Neurologie und – zunehmend – in der Augenheilkunde umfasst. Die Photobiomodulation am Auge ist dabei ein vergleichsweise junges Forschungsgebiet, das in den letzten zehn Jahren erheblich an Dynamik gewonnen hat.

Der Wirkmechanismus: Von Licht zu Zellenergie

Um die Funktionsweise der PBM zu verstehen, ist ein Blick in das Innere unserer Zellen notwendig, genauer gesagt in die Mitochondrien. Diese „Kraftwerke der Zellen“ sind für die Produktion von Adenosintriphosphat (ATP) zuständig, der universellen Energiewährung des Körpers. Ein entscheidendes Enzym in diesem Prozess ist die Cytochrom-c-Oxidase.

Genau hier setzt das Licht an. Die Forschung zeigt, dass Licht im roten bis nahinfraroten Spektrum, insbesondere bei einer Wellenlänge von 670 Nanometern (nm), von der Cytochrom-c-Oxidase absorbiert wird. Diese Absorption scheint die Aktivität des Enzyms zu steigern und führt zu einer erhöhten ATP-Produktion. Das Resultat ist mehr verfügbare Energie für die Zelle, was deren Funktionsfähigkeit erhalten und Reparaturprozesse unterstützen kann. Für die Netzhaut, die einen der höchsten Energieverbräuche im Körper hat, ist dieser Effekt von besonderem Interesse.

"PBM mit 670 nm Licht kann die Aktivität der Cytochrom-c-Oxidase steigern und so die Energieversorgung der Netzhautzellen verbessern."

— Begum et al., PLoS ONE, 2013

PBM und Laser – ein wichtiger Unterschied

Der Begriff „Lichttherapie“ weckt oft Assoziationen mit Laserbehandlungen. Die PBM unterscheidet sich jedoch fundamental von den hochenergetischen Lasertherapien, die beispielsweise zur Behandlung von Netzhautrissen oder diabetischer Retinopathie eingesetzt werden. Während therapeutische Laser durch Hitzeentwicklung gezielt Vernarbungen erzeugen (Photokoagulation), arbeitet die PBM mit nicht-thermischem Licht niedriger Intensität.

Die Lichtintensität ist bei der PBM so gering, dass sie keine thermische Schädigung des Gewebes verursacht. Der Effekt ist rein biologischer Natur und basiert auf der Anregung zellulärer Prozesse – daher der Begriff „Biomodulation“. Dieser nicht-invasive und schonende Ansatz ist ein wesentliches Merkmal der Photobiomodulation und Voraussetzung für die Anwendung an der empfindlichen Netzhaut.

Warum gerade das Auge?

Die Netzhaut gehört zu den stoffwechselaktivsten Geweben des menschlichen Körpers. Dieser hohe Energiebedarf macht sie besonders anfällig für altersbedingte Veränderungen und oxidativen Stress, die bei der Entstehung der AMD eine zentrale Rolle spielen. Eine nachlassende Funktion der Mitochondrien und eine reduzierte ATP-Produktion gelten als Schlüsselfaktoren im Alterungsprozess der Netzhaut.

Die PBM setzt genau an diesem Punkt an, indem sie die Energiebilanz in den Netzhautzellen verbessern soll. Darüber hinaus deuten Studien darauf hin, dass PBM entzündungshemmende Effekte haben und die Bildung von Drusen, den charakteristischen Ablagerungen bei der AMD, reduzieren könnte. Die optische Transparenz des Auges ermöglicht es zudem, dass das Licht mit geringer Streuung die Netzhaut erreicht, was es zu einem idealen Zielorgan für diese Therapieform macht.

Aktuelle Evidenzlage: Was die Studien zeigen

Die klinische Evidenz für die PBM bei trockener AMD stützt sich maßgeblich auf die LIGHTSITE-Studienreihe. Von besonderer Bedeutung ist die LIGHTSITE-III-Studie, eine multizentrische, randomisierte und scheinkontrollierte Untersuchung. Über 100 Patienten mit trockener AMD wurden über einen Zeitraum von 13 Monaten mit dem Valeda Light Delivery System (LumiThera) behandelt.

Die Ergebnisse, 2024 in der Fachzeitschrift Retina publiziert, zeigten eine statistisch signifikante Verbesserung der Sehschärfe in der Behandlungsgruppe im Vergleich zur Schein-Gruppe (Placebo). Im Durchschnitt gewannen die Patienten der PBM-Gruppe 5,5 Buchstaben auf der Sehtafel, während die Sehleistung in der Kontrollgruppe weitgehend unverändert blieb. Zudem wurde eine Reduktion des Drusenvolumens in den behandelten Augen festgestellt.

Sicherheitsprofil und Verträglichkeit

Die LIGHTSITE-Studien lieferten auch wichtige Erkenntnisse zur Sicherheit der PBM. Die Behandlung erwies sich als gut verträglich, es wurden keine schwerwiegenden, gerätebedingten Nebenwirkungen berichtet. Die häufigsten Nebenwirkungen waren vorübergehend und mild, wie etwa trockene Augen oder ein Blendungsgefühl direkt nach der Lichtanwendung.

Ein Aspekt, der in der wissenschaftlichen Literatur diskutiert wird, ist eine in der LIGHTSITE-III-Studie beobachtete leicht erhöhte Rate der Konversion zur feuchten AMD in der Behandlungsgruppe im Vergleich zur Placebogruppe. Die Studienautoren weisen darauf hin, dass dieser Befund weiterer Untersuchung bedarf und möglicherweise auf Zufallseffekte zurückzuführen ist. Dennoch unterstreicht er die Bedeutung regelmäßiger augenärztlicher Kontrollen während und nach einer PBM-Behandlung.

Eine 2024 veröffentlichte Studie von Borrelli und Kollegen bestätigte die gute Verträglichkeit der PBM auch mit einem anderen Gerätesystem (EYE-LIGHT). Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass die Photobiomodulation bei Patienten mit trockener AMD sicher und gut verträglich ist. Insgesamt sprechen die vorliegenden Daten dafür, dass PBM ein günstiges Sicherheitsprofil aufweist – eine regelmäßige augenärztliche Begleitung bleibt jedoch unerlässlich.

FDA-Zulassung: Ein Meilenstein

Im Januar 2025 erteilte die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) dem Valeda Light Delivery System von LumiThera eine De-Novo-Zulassung für die Behandlung der trockenen AMD mit geographischer Atrophie. Diese Entscheidung markierte einen bedeutenden Meilenstein in der Geschichte der Photobiomodulation: Erstmals wurde ein PBM-Gerät von einer großen Regulierungsbehörde für die Anwendung bei einer Augenerkrankung zugelassen.

Die De-Novo-Klassifizierung bedeutet, dass die FDA das Gerät als neuartig einstufte – es gab zuvor keine vergleichbare Produktkategorie. Die Zulassung basierte auf den Daten der LIGHTSITE-Studienreihe und umfasst die Anwendung unter augenärztlicher Aufsicht. Es ist wichtig zu betonen, dass sich diese Zulassung auf das spezifische Valeda-System und die Anwendung in der augenärztlichen Praxis bezieht – sie ist nicht automatisch auf andere PBM-Geräte oder Anwendungsformen übertragbar.

Für den europäischen Markt gelten eigene regulatorische Anforderungen. In Deutschland und der EU ist eine CE-Kennzeichnung als Medizinprodukt erforderlich. Die laufende MACULIGHT-Studie wird unter anderem dazu beitragen, die Datenbasis für eine mögliche europäische Zulassung zu erweitern. Bis dahin ist die Photobiomodulation bei AMD in Deutschland im Rahmen klinischer Studien zugänglich.

Ausblick und Bedeutung für Patienten

Die Photobiomodulation steht an einem spannenden Punkt ihrer Entwicklung. Die bisherigen Studienergebnisse sind ermutigend, die FDA-Zulassung in den USA ist ein starkes Signal, und mit der MACULIGHT-Studie wird die Forschung auch in Deutschland vorangetrieben. Gleichzeitig sind weitere Studien notwendig, um Langzeiteffekte, optimale Behandlungsprotokolle und die Eignung für verschiedene AMD-Stadien besser zu verstehen.

Für Patienten mit trockener AMD ist die Photobiomodulation vor allem deshalb interessant, weil sie einen grundlegend neuen Therapieansatz darstellt. Während Nahrungsergänzungsmittel nach der AREDS2-Formel und Lebensstiländerungen weiterhin die Basis der Eigenvorsorge bilden, könnte PBM als ergänzende Maßnahme die zelluläre Energieversorgung der Netzhaut unterstützen. Die Kombination verschiedener Ansätze – gesunde Ernährung, Rauchverzicht, UV-Schutz, regelmäßige Kontrollen und möglicherweise Photobiomodulation – spiegelt das moderne Verständnis der AMD als multifaktorielle Erkrankung wider, die auch eine multimodale Behandlungsstrategie erfordert.

Wenn Sie mehr über die Photobiomodulation bei trockener AMD erfahren möchten, finden Sie auf unserer Themenseite zur Photobiomodulation weiterführende Informationen, eine interaktive Grafik zum Wirkmechanismus und eine Übersicht über die aktuelle Studienlage. Sprechen Sie auch mit Ihrem Augenarzt darüber, ob die Photobiomodulation für Ihre individuelle Situation in Betracht kommen könnte.

Mehr über Photobiomodulation erfahren

Auf unserer Themenseite finden Sie eine interaktive Grafik zum Wirkmechanismus, eine Übersicht der klinischen Studien und Informationen zur MACULIGHT-Studie in Deutschland.

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Quellen und weiterführende Literatur

  1. Begum R, Powner MB, Hudson N et al. Treatment with 670 nm Light Up Regulates Cytochrome C Oxidase Expression and Reduces Inflammation in an Age-Related Macular Degeneration Model. PLoS ONE. 2013;8(2):e57828. PMC3585189
  2. Kokkinopoulos I, Colman A, Hogg C et al. Photobiomodulation with 670 nm Light Increased Phagocytosis in Human Retinal Pigment Epithelial Cells. Molecular Vision. 2015;21:868–877. PMC4544713
  3. Anders JJ, Lanzafame RJ, Arany PR. Low-Level Light/Laser Therapy Versus Photobiomodulation Therapy. Photomedicine and Laser Surgery. 2015;33(4):183–184. PMC4390214
  4. Boyer D, Hu A, Warrow D et al. LIGHTSITE III: 13-Month Efficacy and Safety Evaluation of Multiwavelength Photobiomodulation in Nonexudative (Dry) Age-Related Macular Degeneration. Retina. 2024;44(3):474–483. PubMed: 37972955
  5. Borrelli E, Coco G, Pellegrini M et al. Safety, Tolerability, and Short-Term Efficacy of Low-Level Light Therapy for Dry Age-Related Macular Degeneration. Ophthalmology and Therapy. 2024. doi:10.1007/s40123-024-01030-w
  6. American Academy of Ophthalmology. FDA Authorizes Light Therapy for Dry AMD. January 2025. aao.org
  7. Fantaguzzi F, Tombolini B, Servillo A et al. Shedding Light on Photobiomodulation Therapy for Age-Related Macular Degeneration: A Narrative Review. Ophthalmology and Therapy. 2023;12(5):2335–2348. doi:10.1007/S40123-023-00812-Y

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